''Das Geheimnis ist, ohne die Antwort zu leben''

Samstag, 1. Dezember 2012

In luftigen Höhen und schlammigen Tiefen

Meine Uhr zeigt 10:39, darunter steht neben Berlin 16:39, in Athen ist es mit 17:39 noch eine Stunde später, in Canberra hat der neue Tag sogar schon angefangen - in Vancouver dagegen schlafen manche Leute um 7:39 noch.
Aber egal wie spät es grad überall auf der Welt sein mag - die Weihnachtszeit beginnt! Mama, Jens und Mathilda machen sich grad auf den Weg zum Adventskranzbinden und erzählen vom Weihnachtsmarkt. Und ich bekomme schreckliches Vorweihnachts-Heimweh... Hier wird schon seit ein paar Wochen Weihnachtsschmuck aller Art im Großeinkauf geshoppt und vorgestern hat auch meine Familie den Weihnachtsbaum aufgestellt. Vor lila-glitzernden Schleifen, Blumen und Schmetterlingen sieht man allerdings kaum noch was von dem authentischen Plastikbaum, der aus ansteckbaren Zweigen besteht. Im Vergleich zu dem was andere Bogotanos an blinkendem Lichterschmuck an den Fassaden ihrer Häuser auffahren ist das aber garnichts.
Selbst im heißen Girardot stehen neben dem Pool zwei hell leuchtende Rentiere die in einem Anflug von Monotonie den Kopf auf und ab, oder nach rechts und links bewegen. Und auch wenn es hier keinen Schnee gibt - schnief, Weihnachten ohne Schnee :( - sieht man aller Orts große, beleuchtete Schnekristalle; was man nicht hat, macht man sich einfach selber!

Und trotz diesem beginnenden Vorweihnachtsspektakel - es hat noch längst nicht seinen Höhepunkt erreicht denk ich – freu ich mich unglaublich auf meine nächste Woche außerhalb von Bogotá... am Montag fliegt mein Flugzeug Richtung Süden nach Leticia und noch am selben Tag heißt es: ab geht’s in den AMAZONAS!!!
Und ich dachte, ich kann euch nicht so ungewiss zurücklassen und sollte nochmal kurz ein bisschen was von meinen letzten Reisen erzählen, im Moment ist Bogotá nämlich eher so mein Zwischenstop. Denn die Zeit rennt, jetzt bin ich schon 3 Monate hier und will noch so viele schöne Ecken Kolumbiens entdecken.

Vor 3 Wochen bin ich mal eben übers lange Wochenende weggefahren- dazu muss ich sagen, übers Wochenende wegfahren heißt hier auch 8h mit dem Bus hin und zurück. Das hat zwei Gründe: zum einen kostet hier so eine Reise nicht die halbe Monatsmiete wie mit der DeutschenBahn in Deutschland sondern zum Beispiel nach San Gil gerade mal 70.000$ hin und zurück (30€) und zum anderen ist Kolumbien mit ungefähr 1.138.748 km² dreimal so groß wie Deutschland, hat aber nur die Hälfte an Einwohnern, was bedeutet, dass Entfernungen hier eine ganz andere Dimension haben. 

die Dächer von San Gil
Also haben wir 6 Mädels aus Bogotá und Umgebung uns am Freitag, den 9.11., morgens halb 4 in ein Taxi gesetzt um halb 5 in einen kleinen Bus nach San Gil zu steigen. Dabei hab ich den sehr dummen Fehler begangen die letzte Reihe wegen viel Platz zu wählen - tja, schlafen konnte ich bei dem Gehopse vergessen, außerdem habe ich das Augenschließen nach mehreren sehr schmerzhaften Begegnungen meiner Nase mit dem Gardinenhaken neben mir an der Wand aufgegeben. Aber nach einer erstaunlich kurzen Fahrt von knapp 7h kamen wir Mittags in San Gil, einer kleinen Stadt 400km nordöstlich von Bogotá an - naja, klein im Gegensatz zu dieser gigantischen Hauptstadt. San Gil zeichnet sich einerseits durch eine sehr angenehme warme Temperatur aus (Hauptkriterium bei all meinen Reisen!!! irgendwie muss ich ja diese graue Regenzeit überstehen), andererseits durch die vielen Extremsportarten die man in der Umgebung machen kann, auch Hauptgrund unserer Reise. Zur Beruhigung meiner Großeltern gleich vorne weg: Bungee Jumping kam für mich nicht in Frage und Fallschirmspringen hatten sie leider nicht :).


Erlebt haben wir trotzdem genug. Den Freitagnachmittag verbrachten wir nur mit einer gemütlichen Tour durch die Stadt und einem Festmahl der ''Delikatesse'' Santanders (das Departamento in dem San Gil liegt): Hormigas, zu deutsch ''Ameisen''! Es gibt sie dort als Ohrringe, Ketten, Schlüsselanhänger, auf T-hirts und Taschen... und in Tüten zum essen. Sie sind leider auch nicht so klein wie in Deutschland sondern ordentliche Brummer, aber hart und knusprig wie Erdnüsse und mit Salz bestreut. Und ja, ich weiß das weil ich auch eine gegessen hab :), erst habe ich mich standhaft geweigert - um mir dann doch unter Gänsehaut eine in den Mund zu stecken. Ihr werdet euch hier bald an einem schönes Video von mir bei diesem zweifelhaften Vergnügen erfreuen können.
Der Samstag begann dann aber mit einer ganz anderen Art der Herausforderung - erste unserer drei Abenteuer-Etappen: die Tour durch die Cueva de la Vaca (die ''Kuh-Höhle'') in Curiti, die ihren Namen auf Grund dem bedauernswerten Schicksal der Kühe hat, die in den Eingang dieser Höhle auf ihrer Weide gestürzt sind. Heute gibt es davor ein Tor.
Ausgerüstet mit kurzen Klamotten, einem Helm mit Stirnlampe und sehr stylischen Wasserschuhen (á la ''das Sams'') ging es unter die Erde, in schlammiges Wasser und beeindruckende Höhlen. Die Tour an sich lässt sich kaum beschreiben - man muss sie einfach erleben. Allerdings sollte man sich vorher genauestens überlegen, ob man sich wirklich da rein wagt. Für Leute mit Platzangst absolut nicht zu empfehlen, und für Leute die ihren Kopf nicht gern unter Wasser haben (so wie ich) eigentlich auch nicht... die erste und größte Herausforderung wartete nämlich schon in der dritten Höhle auf uns - und ich war dummerweise die Erste -, tief einatmen, unter Wasser tauchen und ungefähr 5 Sekunden unter der Felswand hindurch auf die andere Seite tauchen. Nichts leichter als das - leider und wunderlicherweise wollte sich keiner freiwillig melden und so trat ich als erste die Unterwasserreise an. Außer einem blauen Fleck auf dem Nasenrücken habe ich sie hin und auch zurück gut überstanden :).
Nach einer Dusche aus dem Schlauch um auch die letzten Schlammflecken hinterm Ohr weg zu bekommen ging es schon weiter: Paragliding! 
Das bin ich bei der Schraube :)
Dazu kann man eigentlich nicht viel sagen - besonders viel Überwindung braucht es gar nicht finde ich, denn sobald man in die Seile geschnallt und auf den Sitzsack gesetzt wird, kann man sowieso nichts mehr machen. Und ehe man es sich versieht ist man in der Luft und hält beim Anblick der Weite unter sich den Atem an. Sehr beeindruckend!!! Und wer sich traut, bekommt am Ende noch eine schwindelerregende Schraube - dabei hat es mir dann 
 doch buchstäblich den Magen umgedreht.
Zurück in San Gil blieb uns noch Zeit für einen Besuch im Parque Natural ''El Gallineral'', einem Park voller unterschiedlicher Pflanzen und Bäume. Bekannt ist er aber vor allem für die riesigen Bäume von deren Äste seltsame graue Flechten hängen und sie wie Urgroßväter aussehen lässt.
Sonntagmorgen dann unser letztes Vorhaben in Richtung Extremsport: Torentismo. Ich weiß dafür leider kein deutsches Wort, man kann es wohl ''Abseilen an Wasserfällen'' nennen.
Mit dem Bus sind wir nach Charala zur Cascade de Juan Curi. Nach einem 30minütigen Aufstieg durch einen umwerfenden Dschungel von exotischen Pflanzen, riesigen Bäumen und Flechten, standen wir plötzlich auf einem weitläufiges Plateau auf der Hälfte des Wasserfalls vor einem Naturschauspiel, das im Katalog nicht halb so beeindruckend aussieht... eine Kaskade aus herabstürzendem Wasser. 
Und nach einer sehr kurzen Einführung bekamen wir mal wieder Helme aufgesetzt, einen Gurt um die Beine und die Hüfte und einen Handschuh an die linke Hand. Und dann stand ich schon an der Kante, kletterte über die Seilsicherung und hing plötzlich an einer fast senkrechten Felswand inmitten spritzendem Wasser. Der Abstieg dauert, je nach Schnelligkeit des Kletterers, leider nur 5-10min. Dafür erwarten einen unten traumhafte kleine Wasserbecken mit Sprudeln und einer Natur wie aus dem Dschungelbuch.
Noch ziemlich durchnässt stiegen wir am frühen Nachmittag wieder in den Bus zurück nach San Gil. Nach einer kleinen Verschnaufpause in unserem wunderschönen kleinen Hostel mit Dusche unter freiem Himmel noch eine letzte Tour nach Barichara, einem Dorf, das für seine romantische Schönheit bekannt ist. Viele kleine weiße Häuser, Blumenranken in kräftigem lila und kleine Läden voller Artesanías... Und wie klein die Welt doch ist, dachten wir mal wieder als wir beim Kaufen der Bustickets zurück auf eine andere Gruppe deutscher Jugendliche stießen, die ebenfalls als Freiwillige in Kolumbien waren – aber es waren nicht nur ''irgendwelche Deutschen'': das eine Mädchen kam auf uns zu und meinte mit großen Augen ''Sophie???''. Die beiden hatten sich bei einem Auswahlwochenende von AFS vor gut einem Jahr in Deutschland getroffen :).

Damit ging unsere Reise leider auch schon wieder ihrem Ende zu, Montagmorgen stiegen wir wieder in den Bus und waren am frühen Nachmittag im grauen, nassen Bogotá...
Dabei fällt mir auf, dass ich euch eigentlich mal einen Alltags-Post schulde – schließlich spielt sich meine Leben zwischen den Reisen doch auch in dieser Großstadt hier ab. Dazu mehr wenn ich nächste Woche wiederkomme - aber erst mal heißt es 5 Tage Amazonas: Dschungel, Schlamm, Mosquitos, Piranhas- ICH KOMME!!!

Abrazos y Besitos para todos,
que estén bien- Wanda

1 Kommentar:

  1. Ich entschuldige mich für anfängliche Rechtschreib- und Grammatikfehler, ich hoffe ich habe beim zweiten Blick jetzt alle korrigiert :)

    AntwortenLöschen