''Das Geheimnis ist, ohne die Antwort zu leben''

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Ein Wochenende in der Sonne

Einen schönen guten Morgen an alle,

meine Uhr zeigt 10.21 Uhr und da ich- wie vielleicht einige von euch schon mit bekommmen haben- vormittags selten arbeite, nehme ich mir jetzt die Zeit, ein bisschen was nachzuholen was ihr verpasst habt :).
Wer den letzten Post nicht gesehen hat- hier noch mal den Link zu dem kompletten Fotoalbum:


Ein Wochenende in der Sonne- das hatte ich vor jetzt schon fast 2 Wochen. Freitagabend, den 31. September, traf ich mich mit einer anderen deutschen Freiwilligen am Terminal de Transporte de Bogotá- eine Art Reisezentrum für diverse Busse in alle Himmelsrichtungen des Landes.
Dort nahmen wir den nächsten Bus nach Girardot- unserem Reiseziel. Wenn man dem Internet glauben mag, ungefähr 124km, je nach Rute.

Schon allein das pünktliche Abfahren ist in Kolumbien ja eine Unmöglichkeit und so begannen wir schließlich gegen 8:00 Uhr abends unsere Reise in einem kleinen, ungefähr 15-mann Bus. Auf der Karte kann man das leider nicht sehen, aber von Bogotá aus begannen wir einen beträchtlichen Abstieg durch die Berge. Während die Hauptstadt auf ungefähr 2600m Höhe liegt, befindet sich Girardot auf ca. 289m Höhe- was auch die Durchschnittstemperatur von mindestens 30° erklärt! Da wir bei Nacht gefahren sind (ab 6:00 Uhr wird es hier dunkel), konnten wir leider wenig von unserer Umgebung sehen- auf dem Rückweg war es zwar hell, dafür sind uns da die Augen vor Müdigkeit zugefallen. Dafür stieg unsere Euphorie mit dem immer wärmer werdenden Wind, der durch das Fenster herein wehte. Man muss sich vorstellen, wie es ist, wenn man in Bogotá mit einer Durchschnittstemperatur von 15° lebt und dann plötzlich warmen Wind auf dem Gesicht spürt- wenn man um sich rum nur noch Wärme wahrnimmt. Auch in Bogotá kann es gerade zu heiß werden, wenn die Sonne scheint. Aber in Girardot kommt die Wärme aus der Erde, sie hüllt dich zu jeder Tages- und Nachtzeit ein wie ein Tuch. Mal schwül, mal trocken, mal tropisch wenn es regnet... Wer mich kennt, weiß, dass ich eher ein Verfechter der warmen Temperaturen bin :D.

Als wir gegen halb 12 nachts schließlich in der - im Vergleich zu Bogotá - kleinen Stadt am Rande des Departements (=Bundesland) Cundinamarca ankamen, wurden wir sehr herzlich mit Namensschildern und freudigen Willkommensrufen von unseren beiden Mitfreiwilligen und deren Familie begrüßt. Schon am Temperament der Leute kann man ihnen die Wärme an merken – auch in Bogotá sind die Menschen offen und freundlich, aber ihnen fehlt manchmal ein bisschen das Feuer der Leute, die in warmen Gegenden leben.
Unseren Besuch bei Flora und Sophie (ebenfalls deutsche Freiwillige von AFS) begannen wir mit einem ausgiebigen Nachtbad im Pool... dazu wurden uns von Sophies Gastmutter Pili die ersten Baileys gereicht! Der Anfang eines wundervollen, entspannten Wochenendes in der Sonne...

Nach einem wirklich leckeren Frühstück bestehend aus Pancakes und Arepa con queso, zubereitet von den Empleadas (=Hausangestellte) der Familie, verbrachten wir fast den ganzen Samstag im Pool. Wie viele Runden Mojiitos es gab, weiß ich schon nicht mehr. Bei strahlender Sonne, lustigen Gesprächen mit den Gasteltern und der ''Gastoma'' Olga und so einigen Tanzstunden unter Wasser (ist nicht so peinlich, weil keiner richtig sehen kann, was du da unter Wasser genau mit deinen Beinen machst) verging die Zeit wie im Flug.
Nachdem es zu meiner hellen Freude mittags eine Fischsuppe mit Shrimps gab (yeah, mein Leibgericht), fielen wir um 3 Uhr nachmittags völlig ermattet in unsere Betten und hielten eine Stunde Siesta. Diese Mittagszeit, die man vor allem aus Spanien kennt, und in der oft auch Geschäfte geschlossen haben, gibt es hier anscheinend nur in den sehr warmen Gegenden.

Nach der kleinen Erholungspause vom Nichtstun, zeigten uns Flora und Sophie die Umgebung- genauer gesagt, das Conjunto in dem sie mit ihrer Familie leben. Conjuntos gibt es hier in den kolumbianischen Städten öfter - das sind geschlossene Wohngegenden, die oft ähnlich wie deutsche Gartenanlagen nach Plan angelegt wurden. Sie sind kleine, abgeschlossene Inseln, haben oft eigene Einkaufszentren und Vergnügungsplätze. Oft siedeln sich hier die reicheren Leute an, da die Conjuntos durch ihre Abriegelung fast vollkommen sicher sind.
''El Peñon'' wie sich das Conjunto nennt, in dem wir waren, ist eins der bekanntesten Girardots. Im Gegensatz zu ähnlichen Anlagen sind die Häuser in Größe und Form sehr unterschiedlich- nur eins haben sie gemeinsam: sie sind fast alle weiß, haben Palmen im ''Vorgarten'' und sind meist unglaublich übertrieben! Viele der Häuser sind nicht dauerhaft bewohnt, sondern dienen den reicheren Familien aus Bogotá als Feriendomizil. Deshalb wirkt diese kleine Insel manchmal wie ausgestorben. 
Außer einem Exitó (diese französische Supermarktkette gehört hier neben dem Carrefour- ebenfalls französisch- zu den größten und beliebtesten Einkaufszentren) gibt es natürlich ein Clubhaus mit See, Pool und eigenem Spa, ein Golfplatz, sowie Tennis- und Fußballplätze. Und auf den Straßen sieht man vor allem Golf Cars- man hat das Gefühl, man ist in einem dieser amerikanischen Filme gelandet, in dem die Männer mit ihren Golfcars zum Golf fahren, während ihr Frauen sich am Pool die Nägel lackieren...

Auf der einen Seite fühlt man sich wirklich sicher - man kann hier auch noch nachts durch die Straßen streunen. Ein Pool hinterm Haus und immer eisgekühlte Säfte im Kühlschrank zu haben fühlt sich für eine Weile sehr gut an – aber man fängt auch an, nachzudenken. Ich stell mit vor, dass die Kinder die in diesem Conjunto aufwachsen, denken, dass die ganze Welt so aussieht. So weiß und sauber und sicher. Und, dass das was wir erlebt haben, ein sehr gutes Beispiel für die Kolumbianische ''Blase'' ist, von der uns auf unseren Vorbereitungsseminaren erzählt wurde: Es gibt sie überall im Land, in großen und kleinen Städten. Sie bezeichnet die Gegenden, in denen die reichen Leute Kolumbiens wohnen, arbeiten - einfach leben, während nebenan vielleicht gleich eines der Armenviertel liegt. Sie wissen theoretisch, dass es nicht im ganzen Land so aussieht wie in ihrem Viertel, aber sie nehmen nur ihre Realität wahr. Von Indigenas (=Ureinwohner) und Menschen, die auf der Straße leben, haben sie gehört- vielleicht gehören sie auch zu den politischen Menschen, die darüber reden - aber wirklich kennen tun sie die andere Seite nicht.
Ich möchte nicht behaupten, dass ich das tue. Aber ich glaube, dass wir durch unsere Vorbereitung und unsere schulische Geschichtsbildung teilweise ein reflektierteres Bild von der kolumbianischen Gesellschaft haben, als die Leute, die nur auf der ''reichen Seite'' aufgewachsen sind.

Zurück nach Girardot, wo unsere Wochenends-Gastfamilie sicherlich sehr reich, aber auch unglaublich herzlich, großzügig und humorvoll ist! Nachdem ich Samstagabend in der Innenstadt den bisher leckersten Hot-Dog gegessen hab (und glaub mir, ich habe hier schon viele gegessen), sind wir Abends alle todmüde und gehen nach einer erfrischenden Runde im Pool auch schon ins Bett- tanzen gehen fällt leider aus, weil am Sonntag Wahlen sind, und es hier eine Regel gibt, die das Ausschenken von alkoholischen Getränken vor Wahlen verbietet.

Der Sonntagmorgen beginnt für unser Gefühl viel zu früh- nach dem ich mich nachts in dem klimatisierten Schlafzimmer fast erkältet hab, wird schon um 10 Uhr an die Tür geklopft- es geht los... Es geht schon los? Die Uhrzeit war tatsächlich ausgemacht, aber wie wir die Kolumbianer kennen, haben wir das Frühstück auf um 10 und das Losgehen auf um 11 angesetzt. Fehlanzeige, unsere liebenswürdige Gastfamilie hat viel mit uns vor. Mit dem Golfcar geht es zum See – unser Gastvater folgt uns mit dem Landrover, ein Motorboot im Schlepptau.

Und dann heißt es auch schon ab ins Boot, unsere beiden Freundinnen aus Girardot und ihr Gastbruder auf den Perro Caliente und ab geht’s. Zur Erklärung: Perro Caliente ist der spanische Begriff für Hot Dog - und dabei handelt es sich in diesem Fall um nichts zu Essen sondern ein aufblasbares Etwas in der Form eines Hot Dogs, sonst bekannt als Bananenboot. In unserem Fall haben drei Personen darauf Platz. Nachdem alle auf ihren ''Plätzen'' sind (Pili und unsere Gastoma Olga bleiben am Steg und betrachten das Spektakel von Weitem), geht es los. Mit einem Seil wird das Gummiboot an dem Motorboot befestigt, unser ''Gastvater'' gibt Gas und dann heißt es Festhalten für die drei Reiter des Hot Dogs...

 Nachdem auch Doro und ich uns zweimal von dem Gummiboot haben abschmeißen lassen, wartet die nächste Herausforderung auf uns: Wasserski bzw. Wakeboarding. Nachdem unsere Freundinnen sich ziemlich gut auf den Wasserski machen, entscheiden Doro und ich uns für das Wakeboard. Was so leicht aussieht, stellt sich als ziemlich schwer heraus :). Während das Stehen und Fahren garnicht mal so schwer ist, ist das ''Anfahren'' dafür um so komplizierter.
Nach 7 Versuchen, die mir schon fast alle Kraft rauben und mich jedesmal kopfüber ins Wasser plumpsen lassen, schaffe ich es in eine aufrechtere Position und tadaaa - wär hätte es gedacht, ich bleibe stehen und boarde über das Wasser. Das heißt, viel tun außer die Position bewahren muss man nicht- aber mit den Palmen im Hintergrund sieht es doch gleich viel aufregender aus!


Zur Krönung des Tages nimmt uns dann noch ein Freund der Familie auf seinem Jetski eine Runde um den See mit... Miami lässt grüßen :D
Viel zu schnell sind unsere Tage in Girardot vergangen und Montag früh packen wir wieder unsere Taschen und steigen in einen - diesmal richtig großen – Reisebus nach Hause. Zum Abschied regnet es und wir müssen feststellen - selbst der Regen in Girardot ist schöner als in Bogotá!
Unterwegs schrammt unser ungestümer Busfahrer einen anderen Bus und macht seinen eigenen Seitenspiegel dabei platt - eine halbe Stunde bleiben wir stehen und warten. Worauf; das wusste keiner so recht. Am Ende sind wir statt geplanter 3 Stunden fast 4 eineinhalb Stunden unterwegs - aber was macht das schon, wenn man sich dafür mitten im pulsierenden Kolumbien befindet?!

Einen kleinen Sonnengruß aus Bogotá,
ich hoffe es geht euch gut.
Wanda

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