meine Uhr zeigt 10.21 Uhr und da ich-
wie vielleicht einige von euch schon mit bekommmen haben- vormittags
selten arbeite, nehme ich mir jetzt die Zeit, ein bisschen was
nachzuholen was ihr verpasst habt :).
Wer den letzten Post nicht gesehen
hat- hier noch mal den Link zu dem kompletten Fotoalbum:
Ein Wochenende in der Sonne- das hatte
ich vor jetzt schon fast 2 Wochen. Freitagabend, den 31. September,
traf ich mich mit einer anderen deutschen Freiwilligen am Terminal de
Transporte de Bogotá- eine Art Reisezentrum für diverse Busse in
alle Himmelsrichtungen des Landes.
Dort nahmen wir den nächsten Bus nach
Girardot- unserem Reiseziel. Wenn man dem Internet glauben mag,
ungefähr 124km, je nach Rute.
Schon allein das pünktliche Abfahren
ist in Kolumbien ja eine Unmöglichkeit und so begannen wir
schließlich gegen 8:00 Uhr abends unsere Reise in einem kleinen,
ungefähr 15-mann Bus. Auf der Karte kann man das leider nicht sehen,
aber von Bogotá aus begannen wir einen beträchtlichen Abstieg durch
die Berge. Während die Hauptstadt auf ungefähr 2600m Höhe liegt,
befindet sich Girardot auf ca. 289m Höhe- was auch die
Durchschnittstemperatur von mindestens 30° erklärt! Da wir bei
Nacht gefahren sind (ab 6:00 Uhr wird es hier dunkel), konnten wir
leider wenig von unserer Umgebung sehen- auf dem Rückweg war es zwar
hell, dafür sind uns da die Augen vor Müdigkeit zugefallen. Dafür
stieg unsere Euphorie mit dem immer wärmer werdenden Wind, der durch
das Fenster herein wehte. Man muss sich vorstellen, wie es ist, wenn
man in Bogotá mit einer Durchschnittstemperatur von 15° lebt und
dann plötzlich warmen Wind auf dem Gesicht spürt- wenn man um sich
rum nur noch Wärme wahrnimmt. Auch in Bogotá kann es gerade zu heiß
werden, wenn die Sonne scheint. Aber in Girardot kommt die Wärme aus
der Erde, sie hüllt dich zu jeder Tages- und Nachtzeit ein wie ein
Tuch. Mal schwül, mal trocken, mal tropisch wenn es regnet... Wer
mich kennt, weiß, dass ich eher ein Verfechter der warmen
Temperaturen bin :D.
Als wir gegen halb 12 nachts
schließlich in der - im Vergleich zu Bogotá - kleinen Stadt am
Rande des Departements (=Bundesland) Cundinamarca ankamen, wurden
wir sehr herzlich mit Namensschildern und freudigen Willkommensrufen
von unseren beiden Mitfreiwilligen und deren Familie begrüßt. Schon
am Temperament der Leute kann man ihnen die Wärme an merken – auch
in Bogotá sind die Menschen offen und freundlich, aber ihnen fehlt
manchmal ein bisschen das Feuer der Leute, die in warmen Gegenden
leben.
Unseren Besuch bei Flora und Sophie
(ebenfalls deutsche Freiwillige von AFS) begannen wir mit einem
ausgiebigen Nachtbad im Pool... dazu wurden uns von Sophies
Gastmutter Pili die ersten Baileys gereicht! Der Anfang eines
wundervollen, entspannten Wochenendes in der Sonne...
Nach einem wirklich leckeren Frühstück
bestehend aus Pancakes und Arepa con queso, zubereitet von den
Empleadas (=Hausangestellte) der Familie, verbrachten wir fast den
ganzen Samstag im Pool. Wie viele Runden Mojiitos es gab, weiß ich
schon nicht mehr. Bei strahlender Sonne, lustigen Gesprächen mit den
Gasteltern und der ''Gastoma'' Olga und so einigen Tanzstunden unter
Wasser (ist nicht so peinlich, weil keiner richtig sehen kann, was du
da unter Wasser genau mit deinen Beinen machst) verging die Zeit wie
im Flug.
Nachdem es zu meiner hellen Freude
mittags eine Fischsuppe mit Shrimps gab (yeah, mein Leibgericht),
fielen wir um 3 Uhr nachmittags völlig ermattet in unsere Betten und
hielten eine Stunde Siesta. Diese Mittagszeit, die man vor allem aus
Spanien kennt, und in der oft auch Geschäfte geschlossen haben, gibt
es hier anscheinend nur in den sehr warmen Gegenden.
Nach der kleinen Erholungspause vom
Nichtstun, zeigten uns Flora und Sophie die Umgebung- genauer gesagt,
das Conjunto in dem sie mit ihrer Familie leben. Conjuntos gibt es
hier in den kolumbianischen Städten öfter - das sind geschlossene
Wohngegenden, die oft ähnlich wie deutsche Gartenanlagen nach Plan
angelegt wurden. Sie sind kleine, abgeschlossene Inseln, haben oft
eigene Einkaufszentren und Vergnügungsplätze. Oft siedeln sich hier
die reicheren Leute an, da die Conjuntos durch ihre Abriegelung fast
vollkommen sicher sind.
Auf der einen Seite fühlt man sich
wirklich sicher - man kann hier auch noch nachts durch die Straßen
streunen. Ein Pool hinterm Haus und immer eisgekühlte Säfte im
Kühlschrank zu haben fühlt sich für eine Weile sehr gut an –
aber man fängt auch an, nachzudenken. Ich stell mit vor, dass die
Kinder die in diesem Conjunto aufwachsen, denken, dass die ganze Welt
so aussieht. So weiß und sauber und sicher. Und, dass das was wir
erlebt haben, ein sehr gutes Beispiel für die Kolumbianische
''Blase'' ist, von der uns auf unseren Vorbereitungsseminaren erzählt
wurde: Es gibt sie überall im Land, in großen und kleinen Städten.
Sie bezeichnet die Gegenden, in denen die reichen Leute Kolumbiens
wohnen, arbeiten - einfach leben, während nebenan vielleicht gleich
eines der Armenviertel liegt. Sie wissen theoretisch, dass es nicht
im ganzen Land so aussieht wie in ihrem Viertel, aber sie nehmen nur
ihre Realität wahr. Von Indigenas (=Ureinwohner) und Menschen, die
auf der Straße leben, haben sie gehört- vielleicht gehören sie
auch zu den politischen Menschen, die darüber reden - aber wirklich
kennen tun sie die andere Seite nicht.
Ich möchte nicht behaupten, dass ich
das tue. Aber ich glaube, dass wir durch unsere Vorbereitung und
unsere schulische Geschichtsbildung teilweise ein reflektierteres
Bild von der kolumbianischen Gesellschaft haben, als die Leute, die
nur auf der ''reichen Seite'' aufgewachsen sind.
Zurück nach Girardot, wo unsere
Wochenends-Gastfamilie sicherlich sehr reich, aber auch unglaublich
herzlich, großzügig und humorvoll ist! Nachdem ich Samstagabend in
der Innenstadt den bisher leckersten Hot-Dog gegessen hab (und glaub
mir, ich habe hier schon viele gegessen), sind wir Abends alle
todmüde und gehen nach einer erfrischenden Runde im Pool auch schon
ins Bett- tanzen gehen fällt leider aus, weil am Sonntag Wahlen
sind, und es hier eine Regel gibt, die das Ausschenken von
alkoholischen Getränken vor Wahlen verbietet.
Der Sonntagmorgen beginnt für unser
Gefühl viel zu früh- nach dem ich mich nachts in dem klimatisierten
Schlafzimmer fast erkältet hab, wird schon um 10 Uhr an die Tür
geklopft- es geht los... Es geht schon los? Die Uhrzeit war
tatsächlich ausgemacht, aber wie wir die Kolumbianer kennen, haben
wir das Frühstück auf um 10 und das Losgehen auf um 11 angesetzt.
Fehlanzeige, unsere liebenswürdige Gastfamilie hat viel mit uns vor.
Mit dem Golfcar geht es zum See – unser Gastvater folgt uns mit dem
Landrover, ein Motorboot im Schlepptau.
Und dann heißt es auch schon ab ins Boot, unsere beiden Freundinnen aus Girardot und ihr Gastbruder auf den Perro Caliente und ab geht’s. Zur Erklärung: Perro Caliente ist der spanische Begriff für Hot Dog - und dabei handelt es sich in diesem Fall um nichts zu Essen sondern ein aufblasbares Etwas in der Form eines Hot Dogs, sonst bekannt als Bananenboot. In unserem Fall haben drei Personen darauf Platz. Nachdem alle auf ihren ''Plätzen'' sind (Pili und unsere Gastoma Olga bleiben am Steg und betrachten das Spektakel von Weitem), geht es los. Mit einem Seil wird das Gummiboot an dem Motorboot befestigt, unser ''Gastvater'' gibt Gas und dann heißt es Festhalten für die drei Reiter des Hot Dogs...
Nachdem auch Doro und ich uns zweimal von dem Gummiboot haben abschmeißen lassen, wartet die nächste Herausforderung auf uns: Wasserski bzw. Wakeboarding. Nachdem unsere Freundinnen sich ziemlich gut auf den Wasserski machen, entscheiden Doro und ich uns für das Wakeboard. Was so leicht aussieht, stellt sich als ziemlich schwer heraus :). Während das Stehen und Fahren garnicht mal so schwer ist, ist das ''Anfahren'' dafür um so komplizierter.
Nach 7 Versuchen, die mir schon fast alle Kraft rauben und mich jedesmal kopfüber ins Wasser plumpsen lassen, schaffe ich es in eine aufrechtere Position und tadaaa - wär hätte es gedacht, ich bleibe stehen und boarde über das Wasser. Das heißt, viel tun außer die Position bewahren muss man nicht- aber mit den Palmen im Hintergrund sieht es doch gleich viel aufregender aus!
Zur Krönung des Tages nimmt uns dann noch ein Freund der Familie auf seinem Jetski eine Runde um den See mit... Miami lässt grüßen :D
Viel zu schnell sind unsere Tage in
Girardot vergangen und Montag früh packen wir wieder unsere Taschen
und steigen in einen - diesmal richtig großen – Reisebus nach
Hause. Zum Abschied regnet es und wir müssen feststellen - selbst
der Regen in Girardot ist schöner als in Bogotá!
Unterwegs schrammt unser ungestümer
Busfahrer einen anderen Bus und macht seinen eigenen Seitenspiegel
dabei platt - eine halbe Stunde bleiben wir stehen und warten.
Worauf; das wusste keiner so recht. Am Ende sind wir statt geplanter
3 Stunden fast 4 eineinhalb Stunden unterwegs - aber was macht das
schon, wenn man sich dafür mitten im pulsierenden Kolumbien
befindet?!
Einen kleinen Sonnengruß aus Bogotá,
ich hoffe es geht euch gut.
Wanda

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