Eine beispielhafte Situation habe ich letzten Freitag erlebt: Wir Freiwillige aus Bogotá und Umgebung haben uns mit einem AFS-Mitarbeiter getroffen, um unser Visum beim DAS, der Ausländerbehörde, bestätigen zu lassen und unseren kolumbianischen Ausweis zu beantragen. Unter anderem sollten wir 3 Passbilder mitbringen- mit blauem Hintergrund. Nach anfänglicher Unruhe- ''Aber ich hab nur Fotos mit weißem Hintergrund!''- wurde uns versichert, wir könnten entsprechende Passbilder vor Ort machen. Auf dem Weg zur Behörde fing es an zu regnen- nicht gerade eine Überraschung hier in Bogotá auf 2600 Metern Höhe, aber mit Aussicht auf Fotos gerade für die Mädchen sehr unpassend ;). Aber Zeit zum ''Zurechtmachen'' blieb uns sowieso nicht - bevor wir uns versahen, standen wir an einer Bushaltestelle neben einem Mann mit einem blauen Tuch und einer Digitalkamera. Innerhalb von 5 Minuten waren wir alle - äußerst unvorteilhaft, aber immerhin - vor blauem Hintergrund verewigt. Weitere 5 Minuten später hielten wir alle 4 Bildchen in der Hand - für umgerechnet ungefähr 2,70€. Das ist Kolumbien - mit all seiner Spontanität und Kreativität!
| eine Bushaltestelle, ein blaues Tuch und eine Digitalkamera... |
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| Warteschlange an einer Haltestelle des Transmilenios |
Bushaltestellen für die Colectivos gibt es nicht, sie werden wie Taxis benutzt: Man stellt sich an den Straßenrand, wartet auf den richtigen Bus und hält die Hand raus. Der Bus hält mit offenen Türen, man springt rein und los geht's. Ein Rätsel sind mir dabei die Busfahrer- sie müssen gleichzeitig fahren, das Fahrtgeld der zusteigenden Leute entgegennehmen, das Rückgeld zählen und - nicht zu vergessen- nach wartenden Menschen am Straßenrand Ausschau halten. Und das bei einem Verkehr, den man nur als chaotisch bezeichnen kann.
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| ...außerdem unterscheiden sich die Colectivos in ihren Farben |
Es gibt verschiedene Linien die immer aus einem Buchstaben (zeigen die Endstation der Linie an) und einer Nummer bestehen. Um so höher die Nummer, um so weniger Stationen fährt der Bus auf seiner Route an und ist damit um so schneller. Die ''Rutas faciles'' (Nummern von 1-5) fahren jede Station auf ihrer Route an.
Die Haltestellen sind komplett geschlossene Stationen mit Drehkreuzen, die nur mit einer Karte und entsprechendem ''Guthaben'' passiert werden können. An den Seiten der Stationen befinden sich Türen, die automatisch aufgehen wenn ein Bus davor hält, sodass man direkt von der Station in den Bus steigt (nicht ebenerdig).
Nicht nur das durchschaubar System macht dabei den Transmilenio zum besseren Verkehrsmittel, außerdem haben die Busse eigene abgesperrte Spuren auf den Straßen, sodass sie weitgehend vom normalen Verkehr nicht beeinflusst werden- zu Verkehrsstoßzeiten ein extremer Vorteil.
Ich hab schon einmal etwas zum Verkehr gesagt- ich muss mich verbessern: Es funktioniert meistens ganz gut, häufig aber auch nicht. Zu den Stoßzeiten verknotet sich der Verkehr auf den großen Kreuzungen bis zur Unmöglichkeit, die Hupen stehen nicht mehr still. Ein weitere großer Unterschied zum Autofahren in Deutschland sind die Anschnallregeln: Für den Fahrer und den Mitfahrer gibt es die Vorschrift, für den Rücksitz nicht. Hier werden auch Taxis mit nur 4 Sitzplätzen fröhlich mit 6 Personen vollgestopft - so lange es funktioniert, warum nicht?
Dazu muss ich sagen, das auf den ersten Blick die Regeln und Vorsichtsmaßnahmen hier in Bezug auf Sicherheit sehr paradox erscheinen. Auf der einen Seite dieser chaotische Verkehr, in dem kaum Regeln beachtet werden und jeder für seine eigene Sicherheit verantwortlich ist, auf der anderen Seite Polizei und Militär auf allen großen Plätzen und auch in den Vierteln, Sicherheitskontrollen an den Eingängen von großen Einkaufszentren (<<centros comerciales>>) und Parkhäusern. Das eine ist <<Pasión>>, das andere ist die Folge der kolumbianischen Geschichte. Gerade weil in der Vergangenheit die Bevölkerung viel unter Unsicherheit und den Machtkämpfen zwischen Staat und Opposition gelitten hat, wird Sicherheit heute groß geschrieben. Und immer noch ist Kolumbien ein Land, das um seine Einigkeit und seinen Frieden kämpft. Hier in den reichen Gegenden bekommt man das nicht so stark zu spüren, aber es gibt immer wieder zwischen den reichen Zonen auch arme, ''gefährliche'' Viertel.
Ich werde versuchen, euch so objektiv wie möglich einen kleinen Einblick in dieses Land zu geben, aber bitte denkt immer daran, dass ich euch nur von einem Blickpunkt aus berichten kann. Das hier ist bloß eine von vielen Seiten. Und als Ausländer und als <<Mono>>; als Weiße, habe ich noch mal eine ganz andere Position in dieser Gesellschaft.
So, damit will ich heute schließen. In ein paar Stunden werde ich meine erste Busfahrt ganz allein antreten und mich in meinem Projekt vorstellen...
Ich hoffe euch geht es gut,
liebe Grüße von Wanda
P.S.: Noch eine gute Nachricht: Mein Gastvater hat mir den Trick gezeigt, wie man in der Dusche auch warmes Wasser bekommt (<<Muchas gracias a Jorge!>>), jetzt muss ich fast aufpassen, mich nicht zu verbrühen ;).



Liebe Wanda,
AntwortenLöschenSchön zu hören, dass es dir gut geht und dass du fröhlich bist.
Herzlichen Glückwunsch zu dem wamen Wasser.
Küsse,
Marie
...du süße, hättest dich ja schon mal früher zu erkennen geben können!!! :D küsse zurück, wanda
AntwortenLöschenOh Mist, ja, jetzt kennst du meine wahre Identität.
LöschenAntworte mal nächtes Mal so, dass ich es mitbekomme.
Abrazos y Besos!