''Das Geheimnis ist, ohne die Antwort zu leben''

Dienstag, 21. Mai 2013

Doch, ich arbeite - Teil 2 oder Die Farbe der Armen ist Bunt



Staub. Er ist überall, aber vor allem in der Luft. Selbst bei geschlossenem Fenster merke ich, wie meine Lunge sich mit staubiger Luft füllt. Auch in der Nase irritieren mich die kleinen Partikel, meine Handflächen fühlen sich leicht trocken an.
Der kleine, sehr wackelige Bus in dem wir sitzen, kämpft sich unermüdlich seinen Weg auf den steilen, staubigen Straßen nach oben. Obwohl – Straßen kann man sie eigentlich nicht nennen. Schon lange bestehen die Wege nicht mehr aus Asphalt sonder aus Staub und losen Steinen. Manchmal neigt dich der Bus so weit zur Seite, dass ich mich frage, wie man hier ''oben'' ärztliche Hilfe bekommen würde, sollte der Bus tatsächlich umkippen...
Tut er aber nicht.
Mittlerweile ist auch für uns beide, meine Freundin/deutsche Mitfreiwillige und mich, diese holprige Achterbahnfahrt 20min die Berge hinauf zur Routine geworden. Außerdem ist es jeden Donnerstag schon der 3. Bus in dem wir sitzen, über Ungemütlichkeit beschwert man sich nach anderthalb bis 2 Stunden Fahrt nicht mehr.
Unser Ziel: La Isla, ein Barrio (= Viertel) in Altos de Cazucá, einem Teil Soachas, der ganz oben auf der Spitz der Berge liegt, die Bogotá umgrenzen, und keinen besonders guten Ruf hat. Soacha?? Soacha war früher sogar mal einen eigene Stadt, heute gehört es zu Bogotá und bezeichnet den Süden der Millionenstadt, der vor allem als arm gilt. Die Berge hinauf wird diese Armut noch größer und deutlicher sichtbar. Während unserer Busfahrt sehen wir jenseits der Fenster Häuser, die diesen Namen nicht verdienen – Wellblechhütten, die an jeder Ecke so aussehen als ob sie gleich auseinander fallen würden und mit lauter großen Steinen auf den ''Dächern'', die die Bleche an Ort und Stelle halten sollen.

Doch nicht überall in Cazucá sieht es so aus, genau so gibt es richtige Betonhäuser mit bunten Fassaden - schaut man wörtlich ''hinter die Fassade'' zeigen sich allerdings graue, triste Wände.

Und doch, wenn wir kurz vor halb 10 endlich ankommen und aus dem Bus steigen, ist der erste Eindruck: hell, bunt und belebt. Der sandige Boden hier hat eine ähnliche Wirkung wie Schnee in den Bergen - er reflektiert die Sonne extrem. Deshalb schauen wir die ersten paar Minuten nur nach rechts und links und vermeiden den Blick nach vorn. In kleinen, offenen Läden hängen Obst und Kräuter von der Decke, in der Ecke steht ein alter Spielautomat, um den sich Jugendliche drängen. Daneben stapeln sich hinter staubigen Vitrinen kolumbianisches Gebäck (Pan de Yuca, Almohabanas, Empanadas...) in einer Bäckerei. Davor stehen und sitzen Männer, rauchen Zigaretten oder beobachten einfach nur die Straße, auf der kreuz und quer Frauen mit ihren Kindern auf dem Arm, Jugendliche in kleinen Gruppen und Schulkinder in Uniform und mit Rucksäcken auf dem Rücken laufen. Dazwischen streunen Hunde aller Farben und Größen.



Auf unserem kurzen Weg zur Bibliothek & ''Kulturzentrum'' der Isla kommen wir an dem Haus von Doña Maria vorbei, einer zierlichen Dame mit kurzem, grauen Haar. Sie ist die ältesten unserer Runde und auch die weiseste. Sie winkt herzlich und ruft uns zu, dass sie gleich kommt. Ein paar Meter weiter treffen wir Deisy, eine junge 23-jährige Frau, mit ihrem Sohn Kevin im Kinderwagen - sie begrüßt uns freudig mit einem Kuss auf die Wange und wir gehen gemeinsam das letzte Stück. Am Eingang des Gebäudes schließt uns Don Roberto das Gittertürchen auf. Als wir in unseren kleinen Arbeitssaal kommen, sitzen schon 10 Frauen an dem langen Tisch. Wir begrüßen jede einzeln mit Kuss auf die Wange und der Frage ''Cómo estás?'' (=''Wie geht es dir?'') - von der es allerdings mindestens 9 mir bekannte Abwandlungen gibt. Dann begrüßen wir auch Nancy, quasi die Lehrerin dieses Kurses, die aber erst seit ein 3 Monaten dabei ist und als 3. zu unserem Team gehört.
Sie ist schon dabei die Perlen und zugehörigen Utensilien an alle Frauen zu verteilen – ''Mamás'' wie wir sie nennen. Denn dieses Projekt ist ein Schmuck-Kurs mit 16 Frauen bzw. Müttern der ''Isla'', die sich seit Oktober letzten Jahres jeden Donnerstag mit uns treffen, um zu lernen wie man Ohrringe, Ketten, Armbänder und Ringe macht – mit den unterschiedlichsten Techniken und Perlen. Keine dieser Frauen hat einen festen Job, alle verdienen sich so oder so mit kleinen Arbeiten Geld. Tatiana zum Beispiel verkauft vor ihrem Haus Salat (eines Tages werden wir dort essen, haben Doro und ich uns versprochen!). Dieser Kurs soll ihnen also Fähigkeiten vermitteln, die für sie eine andere Einkommensquelle darstellen könnten. Für den Workshop müssen sie nicht bezahlen, für das Material auch nicht – das wird von der Fundación (=Stiftung) ''Catalina Muñoz''
(siehe http://fundacioncatalinamunoz.org/site/) gestellt, genau so wie die Bezahlung von Nancy als offizielle Lehrerin. Ansonsten wird das Projekt hauptsächlich von dem Einsatz von Freiwilligen getragen, zur Zeit also von Doro und mir.
Jeden Mittwochmorgen gehen wir selbst in eine Schmuckklasse und lernen dort, was wir später unseren Mamás beibringen.
Nicht alles, was wir machen ist wirklich schön. Es gibt sogar ausgesprochen hässliche Sachen ;). Aber darum geht es am Ende gar nicht – schön ist, zu sehen, wie sich Braulia, eine ältere Dame, jedes mal abmüht, alles richtig zu machen und nur herzlich lacht, wenn ich mir mit leicht verzweifelter Miene ihren Ring anschaue und sie frage, wie sie es geschafft hat, in so kurzer Zeit schon wieder alles zu verknoten. Bei 16 Frauen allen Alters und Sehstufen muss man manchmal viel Geduld haben - aber noch viel mehr Geduld haben die Frauen selber. Wenn 5 Señoras auf einmal ''Profeeeee'' (Kurzform für ''Lehrerin'') oder ''Wandaaaa'' rufen, Nancy gerade selber nicht weiß, wie man dieses Armband erklärt und ich gerade den kleinen 8 Monate alten Kevin auf den Arm genommen hab, damit seine Mutter in Ruhe arbeiten kann, wird es schon mal ein bisschen chaotisch. Und trotzdem lachen alle, quatschen durcheinander und verknoten gut gelaunt ihren Nylonfaden. Und meist liegen am Ende doch viele schöne Schmuckstücke vor uns, jedes einzelne mit Herzblut und Geduld gemacht.
Leidy
Doña Maria
Behalten dürfen die Frauen die Sachen leider nicht, alle Arbeiten werden notiert, eingesammelt und zur Fundación gebracht. Diese verkauft ein paar Mal im Jahr den Schmuck auf einem Markt, von dem Erlös sehen die Frauen leider nur einen Bruchteil. Auf dem Weg vom Verkauf zurück bis zur ''Quelle'', den Frauen, die den Schmuck hergestellt haben, geht leider viel ''verloren''. Bei dem Verkauf einer Kette zum Preis von 30.000 Pesos (ungefähr 12,80€) zum Beispiel bekamen die Frauen nur 3.000 Pesos. Und da sie die Ketten in Partnerarbeit hergestellt hatten, betrug der Verdienst pro Kopf gerade mal 1.500 Pesos (=0,65€). Eine traurige Bilanz, und ungerecht dazu.
Deshalb haben wir in einem Workshop mit AFS und ASHOKA (siehe http://germany.ashoka.org/) eine Idee/einen Plan entwickelt, wie wir unser Schmuckprojekt weiterentwickeln können, es unabhängiger und selbstständiger machen können und vor allem einen größeren ''Gewinn'' für die Frauen erzielen können. Noch ist alles in der Anfangsphase, wir sammeln Ideen, stellen sie vor und entwickeln Pläne, aber unsere Ziele stehen. Eins davon ist die Suche nach einer Plattform, einer Ebene auf der wir den Schmuck so verkaufen können, dass der Gewinn auf direktem Wege den Frauen zu kommt. Dazu gehört auch die Entwicklung einer Marke, das ''Branding'' des Schmucks, der in unserem Kurs entsteht um ihm einen Wiedererkennungswert zu geben und ihn vor allem eins zu machen: Einzigartig.
Einsatz von unserer Seite aus reicht da leider aber nicht aus, gerade beim Start eines solchen Projektes braucht man ganz einfach Geld. Der oben genannte Workshop mit AFS und ASHOKA hat uns aber nicht nur die Theorie der Projektentwicklung vermittelt und uns in dem Prozess eines solchen individuellen Projektes unterstützt, sondern auch Wege zur Finanzierung offen gelegt. Am Ende haben wir mit der Präsentation unserer Idee das Interesse leitender Persönlichkeiten der beiden Institutionen geweckt und somit ihre finanzielle Unterstützung gewonnen. Wenn wir mit der Umsetzung aktiv beginnen, werden sie uns finanziell aber auch personell (z.B. mit Kontakten) zur Seite stehen.
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Am Ende unserer Stunde erzählen wir unseren Señoras von unserer Idee. Sie sind alle begeistert, nicken eifrig und fangen schon an, in ihren Köpfen unsere Ideen zu visualisieren und zu entwickeln. Ihre Unterstützung haben wir also auch.
Sie fädeln die letzten Perlen auf, verknoten den Faden und zeigen uns ihre Arbeiten. ''Ist die so in Ordnung?'' fragt mich Braulia und hält mir ihre Perlen-Kugel hin. Ich drehe sie einmal um sich selbst und sehe auf den ersten Blick: an 2 Stellen stimmt die Anzahl der Perlen nicht. Wir lachen beide und ich sage: ''Völlig in Ordnung!''
Daisy mit ihrem 8 Monate altem Sohn Kevin

Alle verabschieden uns herzlich und bedanken sich, wir geben den Dank an sie zurück und verlassen lächelnd das Haus. Vorne an der Ecke sehen wir einen weißen Bus mit lilafarbenen Streifen – unser Bus! Winkend und rufen rennen wir die staubige Straße hinunter – das muss ein Bild sein; schon so fallen wir ''Monos'' (hellhäutige Europäer) auf wie bunte Schafe und dann laufen wir auch noch, als ob es um Wichtigeres ginge als ein Bus. Ein Kolumbianer rennt eigentlich nie, Zeit ist immer da. Gerade hier oben scheint das Leben nicht so sehr nach zeitlichen Regeln zu gehen, man hat immer Zeit für ein Pläuschchen. Oder um auf jemanden zu warten – der Busfahrer winkt uns von weitem zu, er hat uns gesehen. Eine Minute später fallen wir auf die staubigen Sitze der letzten Reihe. Gaaanz schlechte Idee, unten werden wir wie seekrank aus dem Bus taumeln... Aber zufrieden!


So können ganz kleine Dinge beginnen zu wachsen und immer größer werden.
Ich bin unendlich froh, Teil dieses Prozesses zu sein. Wenn ich in 3 Monaten dieses Land und damit all diese Menschen vorerst verlassen muss, und weiß, dass all ''meine'' Mamás vielleicht ab und zu ein paar mehr Pesos in der Tasche haben, weil sie ihren Schmuck verkaufen können und nicht abhängig sind von einer anderen Institution außer ihnen selbst, dann bin ich zufrieden. Dann kann ich gehen, mit dem guten Wissen, dass ich etwas geschafft habe. Dass ich, obwohl ich es nie geglaubt hätte und nie so anmaßend gewesen wäre, mir so eine Rolle zu zuschreiben, das Leben einiger Menschen hier ein ganz kleines bisschen verändert habe. Ihnen vielleicht auch nur einen Weg gezeigt habe, der nach vorne führt. Aber immerhin das. Und das macht mich glücklich!

Einen lieben Gruß,
eure Wanda

2 Kommentare:

  1. schön, schön, schön! oder auf kolumbanisch "que lindo, hermoso, bonito, maravilloso, espéctacular" ;)

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