''Das Geheimnis ist, ohne die Antwort zu leben''

Sonntag, 7. April 2013

Doch, ich arbeite - Teil 1

Schon oft wurde ich gefragt: ''Sag mal, arbeitest du überhaupt???'' und für diejenigen von euch, die aufgrund zu vieler Strandbilder mit bilderbuchblauem Meer im Hintergrund zu ähnlicher Ansicht gekommen sind, dieser Eintrag: Doch, ich arbeite!
Ich habe einmal ganz am Anfang eine Seite angelegt, die sich ''Mein Projekt'' nennt (oben in der Leiste zu finden). Allerdings hat sich seit dem viel geändert und mittlerweile zähle ich noch ein anderes Projekt zu den meinen, das mir nicht offiziell zugeteilt wurde, sondern mir mit all seinem Charme und lieben Menschen über den Weg gelaufen ist...

Beginne ich mit der Musikschule, der ''Compañia Filarmonica de los Andes'', die mein offizielles AFS-Projekt ist. Viermal die Woche bin ich dort nachmittags bis abends, nur Freitag fange ich schon morgens um 9 an und hab so einen freien Nachmittag. Gibt es Samstags Konzerte, muss ich auch da manchmal helfen.
Meine Arbeit an sich lässt sich schwer mit einem Begriff beschreiben - vielleicht noch am besten mit ''Mädchen für alles''. Ich habe schon Verlängerungskabel mit Heißklebepistole an Leisten geklebt, Notenlinien auf großen Schultafeln mit Acrylfarbe nach gemalt (so 3 Wochen ungefähr), weiße Farbe von Holzrahmen abgeschabt und mit Sandpapier nach poliert und unzählige Notenübersichten und Rhythmusspiele (natürlich auf spanisch) gemalt, gebastelt & geklebt.
Mein ''neustes Projekt'' ist der Modellbau eines kleinen Dorfes mit 14 Miniaturhäusern, 28 Treppchen und 3 Straßen auf einem Spielfeld der Größe A1 ungefähr, das Kindern das Lernen der Dur- und Moll-Tonarten erleichtern soll. Nichts leichter als das - außerdem muss es natürlich zusammenklappbar sein. Ich habe viel Zeit und ''paciencia'' (Geduld)...




Nebenbei mach ich Fotos, die die Musikschule für ihre diversen
Publikationen verwendet, entwerfe Aushänge für Konzerte oder schmücke den Eingang anlässlich von Feiertagen, Festen und ''Jahreszeiten''.




Ein mal in der Woche habe ich eine Stunde mit meinem Klavierschüler Alejandro.
Alejandro ist 32 Jahre alt und lernt schon seit ungefähr 20 Jahren Klavier und Gesang in der Filarmonica. Wenn ich Dienstagnachmittag um zwanzig nach 2 in die Musikschule komme - <<Ya te volviste colombiana!>> bekomme ich allerorts zu hören (''Du bist schon richtig kolumbianisch geworden!'') - kommt meine Chefin aus dem Unterrichtszimmer, schüttelt den Kopf und sagt ''Wanda, ich kann nicht mehr. Du bist dran.''. Als ich mich neben Alejandro ans Klavier setze, lächelt er nur entschuldigend und schaut auf die Noten die vor ihm stehen. Nun wahrscheinlich schon seit einem Monat dieselbe Seite. Meine Chefin, und gleichzeitig Klavier-, Gesangs- & Musiktheorielehrerin der Musikschule, zeigt mir welche Takte nicht gut klingen und welche Tonleiter wir üben sollen. Dann ermahnt sie meinen Schüler ''juicoso'' (vernünftig, brav) zu sein, wünscht mir viel Glück und verlässt das Zimmer. 

Ich lasse Alejandro erst einmal das ganze Stück vorspielen. Dann spielt er nur den einen schwierigen Takt. Ich erkläre ihm, warum der Rhythmus falsch ist und spiele ihm selbst den Takt vor. Er nickt fleißig und spielt den Takt wieder falsch. Ich lasse ihn verschiedene Noten-Kombinationen einzeln spielen und hundertmal wiederholen. Danach spielt er den Takt wieder 20 Mal falsch. Dann spielt er ihn richtig - ich juble!!! Die nächsten 10 Mal spielt er ihn wieder leicht unrhythmisch. Egal- irgendwie haben wir doch was geschafft diese Stunde. Und vielleicht spielt er nächste Stunde den Takt ja zweimal richtig.
Was für eine Krankheit Alejandro genau hat weiß ich nicht. Meine Chefin hat mir einmal erklärt, er würde 7mal so lange brauchen um etwas zu lernen wie ein Mensch mit durchschnittlicher Lernfähigkeit. Oft erstaunt mich aber am meisten seine eigene Geduld. Manchmal ist er ein bisschen wie ein kleiner Junge, aber er beschwert sich nie, wenn ich ihn 10 Minuten lang die gleichen 3 Noten spielen lasse. Auf Leute, die ihn nicht kennen, wirkt er wie ein ''normaler'' junger Mann, sehr ruhig, ein bisschen langsam, ein bisschen schusselig. So weit ich weiß, verdient er auch selbst Geld mit dem Verkauf von Perfums, davon leben kann er aber wohl eher nicht. Seine Freizeit verbringt er größtenteils bei uns – übt Klavier, singt oder... lernt Deutsch in meinem Kurs.

Jeden Dienstag- und jeden Mittwochabend kommen außer Alejandro noch 4-5 weitere Schüler in die Filarmonica um in meinem Kurs deutsch zu lernen. Warum? Ich habe keine Ahnung! Tatsache ist, dass alle meine Schüler freiwillig kommen und lernen.
Wenige haben schon bei meinen deutschen Vorgängern ein wenig gelernt – für andere ist die deutsche Sprache nicht mehr als ein fremdes Phänomen. Und ich gebe zu – auch mir wird sie immer fremder. Nicht nur durch die fehlende Übung; um so mehr ich mich in grammatische Strukturen vertiefe, um meinen Schülern logische Antworten zu geben, um so unsinniger scheint mir diese Sprache zu sein. Mein Kurs ist gerade mal ganz am Anfang aller Grammatik und doch stolpere ich schon über mir völlig unklare Dinge - wie zum Beispiel dem Akkusativ. Warum brauchen wir denn überhaupt Fälle??? Dazu kommt, dass ich meinen Schüler meistens erst einmal die spanische Sprache erklären muss, um dann einen logischen Bezug zur deutschen Grammatik zu schaffen. Denn so wenig wie ich meine eigene Sprache in ihrer Theorie verstehe, so fremd ist meinen kolumbianischen Schülern ihre eigene ''idioma''.
Alejandro hat außerdem ein Hang zum Italienischen – so ist das Sprachchaos perfekt!
Noch schwieriger als die Grammatik - mit der sie sich ja eigentlich noch gar nicht beschäftigen sollen - ist die Aussprache, die kann man nämlich nicht umgehen. Das anfängliche ''Eins-Zwei-Drei-Bier-...'' ist mittlerweile sogar schon fast verschwunden (Erklärung: 'b' und 'v' werden im Spanischen meist gleich ausgesprochen, oft mit Hang zum 'b'), Wörter mit 'ü' und 'ß' sorgen immer noch für Verwirrung.
Und doch - wenn einer meiner Schüler sagt: ''Mir gefällt es Klavier zu essen'' und alle anderen sich 10 Minuten vor lachen nicht mehr einkriegen, dann weiß ich – sie haben begonnen, die Sprache zu verstehen. Genauso schön ist es auf der Treppe von einem meiner Schüler mit ''Guten Tag, Wanda'' begrüßt und ''Auf Wiedersehen'' verabschiedet zu werden. In den paar Monaten, die mir noch bleiben, werden sie vielleicht nicht lernen Deutsch zu ''reden'', aber sie werden am Ende gelernt haben, dass es in Deutschland weder Arepas noch Empanadas gibt, dafür aber die leckerste Schokolade der Welt! Sie werden wissen, dass es ein Unterschied zwischen Bier und der Zahl 4 gibt und Dinge, die sich ''Fälle'' nennen, die aber nicht mal die Deutschen selbst verstehen und richtig anwenden.
Und sie werden ein paar Sätze sagen können, manche einfacher, manche sogar schon komplexer, und damit vielleicht eines Tages einen Deutschen überraschen, der ihnen über den Weg läuft!

ENDE TEIL 1