Ein neuer Tag ist angebrochen und ich
werde mich meinem ersten richtigen Post widmen - am besten fang ich
ganz vorn an:
Nach 2 wunderschönen
Vorbereitungsseminaren von jeweils 6 Tagen, in denen ich meine
MitstreiterInnen kennenlernte und viele Informationen und
Gedankenanregungen über Kolumbien und zur kolumbianischen Kultur
bekam, begann meine Reise letzten Dienstag, am 21.August. Erste
Etappe war der Flug von Berlin nach Frankfurt, wo drei Berliner und
ich auf den Rest der Flüchtigen stießen.
Während sich in den letzten Tagen in
Halle die Vorfreude auf Neues mit dem Bedauern über das, was ich
zurück lassen würde, mischte, war der Abschied vor allem traurig...
An dieser Stelle möchte ich mich noch mal für all die lieben
Verabschiedungen meiner Familie und meiner Freunde bedanken! Manche
direkt, manche schon vor einiger Zeit, manche übers Telefon, manche
schriftlich... aber alle haben mir gezeigt, welchen Menschen ich
wichtig bin und auch in einem Jahr noch wichtig sein werde.
Dankeschön!
In Frankfurt ging es dann auf die
wirklich lange Reise: 11 Stunden Direktflug nach Santafé de Bogotá,
der Hauptstadt der República de Colombia. Hier sollte unser
''Onarrival-Camp'' stattfinden, eine Art Vorbereitungsseminar vor
Ort, geleitet von den Mitarbeitern von AFS Colombia.
Ob man es glaubt oder nicht, 11 Stunden
gehen schnell vorbei - und am frühen Abend (Ortszeit) kamen wir hier
an, auf 2600 Meter Höhe! Das erste was mir ins Auge fiel: der
Verkehr. Es gibt Verkehrsregeln, die aber offensichtlich kaum
eingehalten werden- wer sich hier nicht auskennt, ist Rettungslos
verloren. Hier fährt einer rasanter als der andere, Blinker werden
höchstens zum Abbiegen benutzt. Ich weiß nicht wie es funktioniert,
es scheint ein unsichtbares Übereinkommen der Fahrer zu geben; es
wird zwar viel gehupt, aber trotz allem funktioniert es. Es sieht aus
wie ein geregeltes Chaos. Zwischen den Bussen und Autos kurven
Motorradfahrer und Straßenverkäufer spazieren auf der Straße und
bieten ihre Ware an den Fenstern der Autos an; neben den Taxis fahren
Pferdekarren.
Nach drei Tagen Seminar, in denen noch
ein mal ein paar Sicherheitsregeln erläutert wurden und es einen
sehr guten Vortrag zur Geschichte Kolumbiens gab, wurden Freitag die
ersten Freiwilligen von ihren Familien abgeholt - unter anderem ich!
Wenn vorher noch alle sehr entspannt die Sonne genossen, kam
plötzlich leise Nervosität auf. Und dann stand ich plötzlich
meinem lächelnden Gastvater gegenüber und wurde mit <<Hola
Wanda ¿como etás?>> begrüßt (was so viel heißt wie:
''Hallo Wanda, wie geht es dir?''). Es ist hier Standard direkt nach
der Begrüßung die Frage nach dem Wohlergehen des Gegenüber
einzuschieben – es wird zwar geantwortet, aber es handelt sich mehr
um eine Floskel.
Schließlich stieg ich zu meiner
Überraschung mit einer anderen Freiwilligen ins Auto- dank ihrem
perfekten Spanisch fanden wir schnell heraus, das sie die Gasttochter
der Schwester meines Gastvaters war... Angekommen in meinem neuen
Zuhause (mit eigenem Zimmer und eigenem Bad!) lernte ich den
restlichen Teil meiner Gastfamilie kennen: meine Gastmutter und meine
kleine 7 Monate alte Gastschwester. Aber bei dieser beschaulichen
Runde bleibt es selten; schon am ersten Abend war die Hälfte der
ganzen Familie in unserem Wohnzimmer versammelt. Nach und nach fing
ich an die komplexen Familienstrukturen zu verstehen, auch wenn ich
nicht behaupten will, dass ich jetzt schon jeder Familie die
richtigen Kinder zuordnen kann :).
| Mein Gastvater Jorge mit meiner Gastschwester Sara und meine Gastmutter Johanna. |
Der nächste Morgen ließ mir nicht
viel Zeit zur Eingewöhnung, mein 19-jähriger Gastcousin und seine
Schwester holten mich zu einer Shoppingtour ab. Aber nicht
irgendeiner – meiner Gastcousine stand am Abend eine
Überraschungsparty zu ihrem 15. Geburtstag bevor. ''El quince'' (der
15.) ist hier ein sehr wichtiger Geburtstag – ein bisschen wie in
Deutschland der 18. Nach dem ein Kleid, Schuhe, Ohrringe und eine
Kette gekauft waren, ging es in eine ''Peluquería'', wo meiner
Gastcousine nicht nur die Haare, sondern auch das Make-Up und die
Fingernägel gemacht wurden. Danach blieb mir gerade noch Zeit zum
Umziehen, bevor die ganze Familie sich aufmachte zum Restaurant
meines Gastvaters, wo die Fiesta stattfinden sollte.
| Meine Chicitas und ich. |
Neben meinen ganzen kleinen
Gastcousinen wurde ich noch vielen weiteren Familienangehörigen
vorgestellt... Während die meisten Gesichter in meinem Gedächtnis
haften geblieben sind, ist der ein oder andere Name schon entfallen –
aber ich werde wohl noch viele Gelegenheiten haben sie mir
einzuprägen, denn hier wird viel in der Familie gefeiert. Und zu so
einer Feier gehört natürlich Musik und... SALSA!!! Es ist
unglaublich, was für einen Hüftschwung schon die ganz Kleinen hier
drauf haben und dann erst die Frauen- aus lauter Mitleid wurden mir
an diesem Abend schon mehrere Tanzkurse zuteil. Aber nicht nur ihre
Tanzkünste offenbarte meine kolumbianische Familie an diesem Abend,
sondern auch ihre offene, herzliche Art. Mehr als einmal wurde mir
mit einem herzlichen <<¡Bienvenido!>> (''Willkommen!'')
Hilfe in allen Notlagen angeboten!
| Meine Gastfamilie, das Geburtstagskind Laura und ich. |
Mit diesem herzlichen Ankommen in
meinem neuen Heimatland will ich diesen Post schließen –
mittlerweile ist es 12.00 Uhr Mittags und ich werde mich unter die
kalte Dusche wagen; leider wahr, warmes Wasser gibt es in meinem Bad
selten :)
Liebe Grüße und hasta luego,
Wanda